Lieber Michael Welten,
du hattest nicht kommen können zu diesem zweiten Treffen von Leuten, die sich in Leipzig Gedanken und nicht nur Gedanken über ein Mitte Links Bündnis machen. Einen kurzen und sachlich gehaltenen Bericht findest du von HG auf seinen Wiki-Leipzig Seiten. Es klingt bei ihm sehr verständnisvoll, wenn er die Absagen der Bundes- und Landtags Abgeordneten zu unserer 2. Sitzung zu kommen, auf deren Bundestags Sitzungen und gedrängten Terminplan zurückführt. Wohl weil ich mich um deren Kommen bemühte und ihre freundlichen Absagen erhielt, empfinde ich ihre Absagen als Entwertung und zwar nicht nur als Entwertung des Bündnisthemas, sondern auch in Bezug auf die Gesprächsteilnehmer und mich selbst. Wer kommt da schon? Und nur so ein paar Leute, das lohnt doch gar nicht, so klingt es von Seiten der Politprofis.
Solche Runden, derer gibt es viele. Aller Orten treffen sich Menschen einmal die Woche oder einmal im Monat, um über bestimmte Themen zu debattieren. Es sind sozusagen Austauschbörsen, die nicht zu verwechseln sind mit Nachrichtensendungen und Talkshows. Sie machen das wirkliche politische Leben einer Stadt, eines Landes, eines Staates, ja, der EU im Ganzen aus. Im Gegensatz zu Parteiversammlungen, deren Zweck vor allem in der Kandidatenwahl, also in der Nominierung von Leuten liegt und die sich, ganz dem Vereinsrecht entsprechend, zu Abstimmungsautomaten ohne Eigenleben, Saft und Würze selbst bei den Grünen entwickelt haben, sind dies die Hinterstuben der Meinungsbildung und zwar sowohl über Themen als auch über die Politiker selbst. Hier fallen die wahren Entscheidungen, hier bilden sich die Mehrheiten, hier, in den Debattierclubs, reifen die politischen Persönlichkeiten von morgen heran, hier wird nachvollzogen, verstanden, kommentiert und antizipiert, was andernorts vor sich ging, geht und gehen wird.
Soweit zur allgemeinen Bedeutung informeller und parteiübergreifender Treffen von Gesprächskreisen, die ja immer lokal mehr oder weniger in das unmittelbare Lebensumfeld eingebettet sind. Ihr Einfluss hängt freilich unweigerlich mit den an ihnen teilnehmenden Persönlichkeiten zusammen. Who is who? Nicht nur in der städtischen Landschaft sind es die an Stammtischen zusammengefassten Honoratioren, die aufgrund ihres Lebensalters, ihrer Lebenserfahrung und meist auch ihres angesammelten Vermögens wegen über maßgebliche gesellschaftliche Macht verfügen. Andererseits zeigt sich die institutionalisierte Form des Ältestenrates, ob nun in im Parlament oder aber in den Parteien als zahnloser Tiger. Die aufs Altenteil abgerückten Herrschaften haben ihre Funktionen abgegeben und den Machern überlassen. Ihnen gegenüber findet sich in Systemen, wie der asiatischen und Golf arabischen Gerontokratie der alt gewordene, im Amt immer weiter bis an die Spitze aufgerückte Alleinherrscher, der King Lear. Er steht als Symbolgestalt für diejenigen, die ins Alter gekommen ihre Macht nicht aufgeben mögen. Bekanntlich sind Honoratioren seine weit hinter sich gelassenen Altersgenossen, die ihm gegenüber machtlos und ins Abseits von Hinterstuben gedrängt erscheinen.
Um solch eine Runde handelte es sich. Von den zwölf Anwesenden war eine eine Frau, die angesichts dieses patriarchalen Zirkels, wegen anderer Verpflichtungen, wie sie sagte, vorzeitig ging, also das Handtuch warf. Von den verbleibenden elf standen wiederum fünf noch tatkräftig im Erwerbsleben, wobei lediglich zwei den großen Schritt ins Familienleben und in die Vaterschaft noch vor sich zu haben scheinen. Bündnisfragen erweisen sich derart als Angelegenheiten, die die älteren verhandeln, was natürlich klingt, sind sie doch jenseits der Konkurrenzverhältnisse, die ansonsten die auf Erwerb, Gewinn und Erfolg gerichteten Arbeitsmühen kennzeichnen.
Wenn ich dies wertfrei, also ohne Polemik und Bewertung, zu beschreiben suche, so gelingt es mir offenbar nicht. Liegt es an dem Umstand selber, dass dem Alter in der Leistungsgesellschaft kein Wert beigemessen wird? Liegt es daran, dass auch diese Hinterstube des politischen Geschäfts nicht verspricht in der Lage sein zu können, die zwischen den drei in Frage stehenden Parteien herrschende Konkurrenz zu überwinden, also keinen Raum zur Stärkung von Gemeinsamkeiten zu bieten, sondern statt dessen doch nur dazu nützt in versteckter und intriganter Weise die Ausspähung und Aushebelung des politischen Mitkonkurrenten zu ermöglichen? Im Wahlkampf müssen schließlich alle anderen zum politischen Gegner reduziert werden, um die eigene Wahlchancen zu erhöhen.
Mithin stellt sich die Zweckhaftigkeit dieser parteiübergreiffenden Gespräche nicht nur dadurch in Frage, dass zum Beispiel in Berlin Renate Künast frontal, wie es scheint, die Wiederwahl von Klaus Wowereit zum Oberbürgermeister angreift, sondern dadurch dass das Eigeninteresse der Parteien eine Zusammenarbeit und Bündnisse ausschließt.
Insofern scheint der Ansatz parteiübergreifender Gespräche in sich illusionär.
Lass es dir gut gehen, du hörst von mir
dein
Dirk Glomptner