Halb eins Uhr in der Nacht. Zu viert saßen sie im Pausenraum der Nachtwachen, schlürften Tee zu Butterbroten und tauten langsam auf zu einem Gespräch. Es ging natürlich um die Aufarbeitung der Teamsitzung am Abend zuvor, insbesondere um den Punkt, dass, so fast im Nebenher, vom zuständigen Wohnheimleiter Hermann Bayer angekündigt wurde, die Pausenregelung würde sich ab 1. Januar verändern. Bisher sei es nur eine gewohnheitsrechtliche Gepflogenheit gewesen, dass die halbstündige Pause der Nachtwachen als Arbeitszeit vergütet worden wäre. Dadurch, dass nun vier Mitarbeiter pro Nacht am Platz wären, könne die ungestörte Pause durch Vertretung eines anderen Kollegen gewährleistet werden und damit entfalle der Grund, die Pause zu vergüten.
Der Protest der Nachtwachen wegen der unmöglichen Dienstpläne und der strukturellen Überstunden aufgrund des Personalmangels, einfach weil Bayer für keine Neueinstellungen im Behinderten Zentrum Mittelland gesorgt hatte, führte Anfang Jahr zur Einschaltung der Gewerkschaft und dann zu Verbesserungen, auch zu finanziellen Verbesserungen, die in mehr Urlaubs- und Krankengeld aufgrund eines Bundesgerichtsurteils lagen, das nun auch bei der BZM umgesetzt werden musste. Offensichtlich hatte man nun in der Geschäftsleitung überlegt, dass diese Mehrausgaben woanders wieder herein zu holen wären. Es galt also die Vergütung der Pausen zu kippen. Das stellte eine erhebliche Gehaltsminderung dar, denn eine halbe Stunde pro Nacht weniger summierte sich monatlich bei 16 Nächten auf 8 Stunden auf, also zu einer ganzen Nacht Mehrarbeit oder aber zu weniger Geld.
Als der Bayer dieses Anliegen der Geschäftsführung vorbrachte und zwar in dem Ton, es sei entschieden und würde umgesetzt, regte sich kein Widerstand. Die Mitarbeiter waren überrascht und wussten während der Teamsitzung nichts zu erwidern oder Gegenargumente und Widerspruch zu äußern, jeder war einfach überrumpelt von dieser Dreistigkeit, nachdem man nun dachte, es brächen endlich friedlichere Zeiten heran.
Später in der Nach, am Pausentisch, der erste Schock war überwunden, wunderte sich Uli, dass man so einfach eine jahrelange Regelung über Bord werfen könne. „Ist das denn nicht auch eine arbeitsvertragliche Sache? Müssen wir da nicht offiziell Bescheid bekommen? Und können wir dagegen nicht Widerspruch einlegen, schließlich ist das eine Vertragsveränderung.“
Sandy meinte: „Nun ja, im Tagesdienst kann man ins Café gehen, da kann ich mich also wirklich vom Arbeitsort entfernen, aber in der Nacht, soll ich da im Wald spazieren gehen?“
„Auf jeden Fall ist nachzuprüfen, wie es rechtlich überhaupt mit solch einer Veränderung aussieht, sprich ob die das so einfach machen können“, stellte Barbara fest, ohne jedoch konkreter zu werden, wer welche Schritte unternehmen sollte.
Der Gewerkschafter
Eine Woche später. Uli hatte wegen einer anderen Sache – ein vorhergehender Arbeitgeber hatte die Pensionskassenbeiträge nicht einbezahlt – mit dem Gewerkschaftssekretär Ludwig Scheibler ein Gespräch vereinbart. Inzwischen hatte Ludwig natürlich längst Wind von der Sache mit den Arbeitspausen bekommen. Er rückte aber nicht heraus, mit wem er telefonierte, so dass sich Uli fragte, ob es eine gewisse Geheimhaltung gab. Vielleicht war die auch nötig, weniger wegen der Zuverlässigkeit gegenüber ihm selbst, auch wenn er ein Plappermaul war, als vielmehr zum Schutz vor Anschwärzereien, die in solchen Konflikten zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern durchaus immer wieder vorkamen.
Da sich Ludwigs Infos mit den Erzählungen Ulis deckten, konnte sich der Gewerkschafter ein ziemlich gutes Bild von den Vorgängen im Behinderten Zentrum Mittelland machen. Anscheinend hatte der ehrgeizige Wohnheimleiter Bayer kurz vor der Teamsitzung mit mehr oder weniger Wissen der Gruppenleiterin Ursel die ersten beiden Tagesordnungspunkt: Arbeitsmotivation und Arbeitswünsche sowie Arbeitspausen Regelung in die Tagesordnung der Teamsitzung eingefügt. Nachdem die Teilung des Gesamtteams in zwei Arbeitsgruppen in den letzten Monaten sogar mit einem Teambildungsseminar durchgeführt worden war, konnten nun mehr die sich daraus ergebenden Synergieeffekte abgeschöpft werden. Als erstes war dies, die bisher bezahlten Arbeitspausen auszuklammern und dadurch die effektive Arbeitszeit markant zu erhöhen. „Oder meinst du“, fragte Scheibler den ratlosen Uli, „der Bayer hat sich das mir nichts dir nichts aus dem Finger gesogen? Nein, nein, das war von langer Hand geplant und gut durchdacht, euch das auf der Teamsitzung einen Monat vor Weihnachten – Pietätsabstand, nicht wahr – als Rechnung für eure Untaten im Frühjahr zu präsentieren. Das muss ich diesem Schlitzohr lassen, ein wahres Meisterstück.“ Dann führte Scheibler aus, dass es arbeitsrechtlich eine korrekte Angelegenheit wäre. Es gebe Pausen, aber Pausen müssten nicht bezahlt werden. Zwar sei es effektiv eine Arbeitszeitverlängerung und somit eine wesentliche Veränderung des Arbeitsvertrags, doch die ließe sich durch einen Aufhebungs- und anschließenden Neuvertrag rechtlich bewerkstelligen. Es gebe zwar eine Dreimonatsfrist zu beachten, aber ob eine solche Maßnahme im Januar oder erst im März in Kraft träte sei nicht weiter von Bedeutung, denn was sollte verhindern, dass sie in Kraft träte. Sein Tonfall klang dabei resigniert, wie die eines jungen Mannes, den sein Vater über die Bücher geschickt hatte, doch noch eine Lücke zu finden, ohne jedoch mit Erfolg strahlendem Glanz in den Augen und erhobenen Hauptes zu diesem zurückkehren zu können, sondern ganz im Gegenteil Ludwig schien seine Zuflucht darin zu nehmen, dass die Welt und in diesem Fall die Rechtslage so wäre wie sie war und dass es nicht an ihm läge nun mit gesenktem Haupt Trübsal zu blasen. „Wenn überhaupt“, schloss er, „so ist die Frage, ob es Kampfbereitschaft im Team gibt, ein solchen Angriff der Geschäftsleitung abzuwehren oder zumindest abzuschwächen.“ An dieser Stelle winkte Uli müde ab. „Eher nicht“, meinte er. „Die Leute haben genug von den Auseinandersetzungen im Frühjahr. Was heißt die Leute? Diejenigen, die vom alten Team noch da und nicht gegangen sind. Außerdem, Kampfbereitschaft? Was meint das denn? Streik? Es geht doch um zwei Vertragsparteien, die einander gegenüber stehen und etwas aushandeln und vereinbaren. So, wie es jetzt steht, war es auf der letzten Teamsitzung eher ein Überfall mit der Neuerung: Kein Geld für die gesetzlich vorgeschriebene Pause und dem sei Widerspruchslos zuzustimmen.“
„Na gut“, meinte Ludwig, „dann steht eine Erwiderung auf eurer nächsten Teamsitzung am 13. Dezember an.“
„Ja, und wie soll die aussehen?“, fragte Uli. Scheibler zuckte hilflos die Achseln. „Woher soll ich das wissen, was euch einfallen könnte?“ Kurze Denkpause: „Also, ich begleite euch natürlich, wenn ihr in einen Arbeitskampf eintreten wollt.“
„Ach du mit deinem Arbeitskampf“, verwarf Uli Scheiblers Gewerkschaftsdenke. „Es geht um eine Vertragsveränderung und die bedarf der Zustimmung und ich kann mir nicht vorstellen das da auch nur einer zustimmt. Nein, wird man ja wohl sagen dürfen.“
„Ja, und was ist dann der nächste Schritt?“, fragte Ludwig. „Wenn alle Nein sagen, dann werden sie euch alle entlassen, das steht schon mal fest. Vor allem aber werden sie die Rädelsführer raus kicken, ist doch klar, so läuft das nun mal im Business, auf neumodern heißt das Mobbing. Ich glaub’, da habt ihr im BZM auch ein QualitätsManagement Dokument xy.z, wenn ich mich nicht täusche. Wie das wohl entstanden ist? Solche Papiere haben ja immer ihre Geschichte.“
Uli wurde bleich: „Oh man, du machst mir Angst mit deinem Kampfbegriff.“
„Weiss nicht, es geht schließlich um Arbeitsplätze, um Die da oben wollen etwas und ihr wollt es nicht. Also, haltet mich auf dem Laufenden. Ich habe mein nächstes Gespräch mit euch im Januar bezüglich der Personal- und Dienstplanung. Es sah ja so aus, als ob das nun auf einem guten Geleise sei. Mach’s gut. Ich habe gleich noch eine Sitzung und das bei einer halben Stelle.“
Pausengespräch: Schlachtplan
Es zeigte sich, die Pausen der Nachtwachen waren tatsächlich ein Unruheherd sondergleichen für den betrieblichen Frieden der Geschäftsleitung. Zum einen mochte das seinen Grund in den nächtlichen Fantasiekräften haben, die mehr dem Traumzustand zugewandt waren als vergleichbare Gesprächssituationen am Tage. Zum anderen gärte der Vorstoß der Geschäftsleitung in Person des Wohnheimleiters Bayer im Gemüt der durch ihr Schweigen beschämten teammitglieder, denn es wurde immer deutlicher, was diese Veränderung eigentlich bedeute, bedeuten konnte. Genau genommen bestand darüber nämlich Unklarheit: Hieß das, die Soll-Arbeitszeit blieb dieselbe, was wiederum hieß öfter in der BZM bleiben zu müssen? Oder würden sie weniger verdienen? Solche Fragen geisterten durch die Köpfe in der Viererrunde der nächtlichen Pause, die gelegentlich vom Alarmklingeln der Handys unterbrochen wurden.
„Das sind deine Leute“, meinte Sigrid zu Ann. „Wahrscheinlich Franz, der etwas zu trinken haben möchte.“ Schnippisch erwiderte Ann: „Sorry, ich habe jetzt Pause. Vertrittst du mich bitte, Hans?“ – „Wieso ich? Ich habe auch Pause. Das sollen die vom anderen Team machen.“ – Nee, nee, nee. Wir haben jetzt auch Pause. Regelt das unter euch“, erwiderte Karin. „Seht ihr, das geht gar nicht. Bayer und auch unsere liebe Frau Gruppenleiterin haben uns versprochen, wenn das Team geteilt würde, dann sollte das nicht das nächtliche Zusammenkommen, den Austausch einmal in der Nacht, berühren.“ – „Na ja, schwaches Argument, das mag zwar auch irgendwo stehen, aber rechtlich ist das einfach korrekt, was sie da mit uns abziehen wollen. Wir können da nichts machen“, meinte Hans. „Wir können nichts machen! Wir können nichts machen! Wir haben uns aufzuopfern! Wir haben zu schlucken, was die Herren und Damen da oben von uns verlangen! Na super! Entschuldigung, ich finde das zum Kotzen! Da haben sie den Wahlspruch in der BZM: Bei uns spielt der Mensch die tragende Rolle. Ja, Tag und Nacht. Nur wir, wir sind keine Menschen, wir sind Mitarbeiter und denen kann man das Tragen für Null abverlangen, ja?!“ Karin staunte, dass sich Ann so aufregen und so aus der Haut fahren konnte. So hatte sie Ann noch nie erlebt: Leidenschaftlich, fast eifernd, was, so überlegte Karin für sich selber, doch schnell ins Hässliche, Unangenehme ausarten konnte. Das mochte sie nicht, bei andern, wie für sich selbst, denn das war doch so bedrängend, so angriffig. „Hör mal“, meinte sie, „lass uns das doch noch einmal ganz ruhig und sachlich anschauen: Wo steht das eigentlich, wie es momentan geregelt ist?“ – „Irgendwo im Spinnennetz der QM Doks“, fiel ihr Sigrid ins Wort. „Das ist ein Labyrinth zu Knossos, in dem ein schreckliches Monster haust, das alle auffrisst, die sich da hinein begeben.“ -“Ja, ja, komm uns nur mit dem griechischen Mythos der sogleich das Finanzdesaster hinter dreien zieht“, meinte Hans. „Manche wagen sich auch in die Höhle des Löwen …“ – „Ja, Verrückte!“ – „ …. wenn er nachts auf Jagd ist und kommen mit herrlichsten Schätzen zurück.“ – „Hans, du bist ja ein Träumer“, meinte Karin. „Und typisch Mann, ein Möchtegern Held.“ – „Ha, ha, ich sage nichts weiter.“ – „Wie? Du willst schweigen darüber, was wir hier in unserer Garküche aushecken?“ – „Wieso, was gibt es denn da noch auszuhecken?“ – „Weiss nicht“, meinte Sigrid, „uns fällt noch etwas ein.“ – „Ja, aber was denn? Gegen das Recht ist kein Kraut gewachsen und die Konsequenz davon ist: Tschüss! Du kannst gehen, wenn du nicht tust, was wir die da oben sagen, was die von dir wollen. So sieht es doch aus.“ – „Ach ja, so sieht es aus?“ fragte Karin herausgefordert zurück. „Glaube ich nicht. Sie können uns nicht allen auf einmal kündigen, nur weil wir nicht einverstanden sind mit dem, was sie wollen.“ – „Aber hinter einander“, warf Hans behände ein. „Ja, ja, gut, ihr beiden“, schlichtete Karin. „Der Punkt ist nur, einer muss das auch sagen, dass es ihr nicht gefällt und dass sie nicht zustimmt. Eine Heldin von euch muss vortreten und sagen, dass ihr das beim letzten Mal zu schnell ging, dass sie gar nichts zu sagen wußte und dass sie nicht einverstanden ist.“ beharrte Hans auf seinem Resignativismus. „Wieso vortreten? Wir sind doch nicht beim Militär auf Freiwilligen- und Heldensuche“, hielt Sigrid dagegen. Ann hatte sich die ganze Zeit über nachdenklich zurück gelehnt, dann schnellte plötzlich vor in die kleine Lücke, die das Gespräch gerade bot und stieß hervor: „Also, ich stelle mir vor, auf der nächsten Teamsitzung ist Bayer fällig. Das weiß er natürlich und wird sich mal wieder entsprechend präpariert haben, aber ihr wisst ja, wie rot er beim letzten Mal geworden ist und so jetzt auch wieder. Habt ihr gesehen, als er sich mit Uli in der Teamsitzung in der Pause nach seiner Ankündigung unterhielt. Er ließ Uli überhaupt nicht zu Wort kommen. Der verschanzt sich hinter seiner Brille und hinter seinem Wortschwall, sprich er hat Schiss? Wovor, frage ich euch? Wovor hat der Mann Schiss, wenn doch alles so rechtlich klar ist? Ich sag es euch: Davor, dass wir ihn fertig machen. Davor, dass wir ihm die Hose runter ziehen mit seinem Manager Getue, mit seiner elendigen, hinterhältigen, miesen Stellen Prozent Finanzplan Karriere und Geschäftsleiter Denke.“ – „OK, Ann, krieg’ dich wieder ein“, versuchte sie Karin wieder zurück auf den Teppich zu holen. „Du mußt dir vorstellen, er ist ein guter Ehemann und Vater von zwei Kindern und er erfüllt nur seine Pflicht, seinen Job und der ist nun mal zu schauen, dass die BZM finanziell gut dasteht.“ – „Ach so? SS Eichmann war auch ein guter Familienvater, Gatte und Klavierspieler. Das hat mithin nichts zu sagen. Außerdem, was heißt, dass die BZM gut dasteht? Soweit ich weiß, steht die in der Öffentlichkeit überhaupt nicht so gut da und, weißt du, dass sie dicke Gewinne machen und das auf unsere Kosten. Ich finde das unmöglich!“ – „Ja, das wissen wir doch“, warf Sigrid ein, „die BZM macht Gewinne und wir rackern dafür und haben nichts davon, nur die da oben.“ – Ann, gequält: „Mit unseren Arbeitspausen wollen sie die zusätzliche Gruppenleiter Stelle neben Ursel finanzieren. Noch mehr Wasserkopf, noch mehr QM Doks, noch mehr Kader Runden auf denen sie solche Schweinereien aushecken. Ich habe echt keinen Bock mehr!“ – „Also, noch einmal“, fing Sigrid den fast verloren gegangenen Faden über das, was zu tun wäre, wieder auf: „Die nächste Teamsitzung, ein Date wie ein Date, entscheidet darüber, ob wir uns das bieten lassen und still und stumm schlucken, was uns Bayer & Co. verabreichen wollen. Am besten ist, eine steht auf und fragt die andern, ob sie einer solchen Veränderung der Arbeitsbedingungen zustimmen.“ – „Das kannst du so nicht fragen“, meinte Hans. „Das Recht ist auf deren Seite.“ – „Ach, hör doch auf mit deinem Recht!“ fuhr ihm Ann dazwischen. „Jeder von uns hat einen Vertrag und der kann nur mit Zustimmung verändert werden. Und das ist doch nur das Vorspiel für unseren Bayer, denn dann kommt eine Aussprache, die er bestimmt nicht mag.“ – „Genau“, ergänzte Sigrid, „wenn wir schon nichts ändern können, dann möchte ich wenigstens sagen, dass ich finde, dass sie uns an der Nase herum führen und das mir das nicht gefällt. So, ich muss jetzt zurück auf mein Wohnheim. Gute Nacht, Freunde.“
November 28, 2011 um 5:56 pm |
Na ich bin ja wirklich gespannt, was da noch so alles folgt…. Ein Satz ist mir hängengeblieben: “Bei uns spielt der Mensch eine tragende Rolle” – ob es da nicht eher eine “tragische” Rolle heissen müsste?