Fortsetzung von: Pausen im Gespräch
Andere Menschen, andere Gespräche. Zum Glück unterschied sich das Nachtwachenteam in solche, die 100 oder die 80 Prozent arbeiteten und dementsprechend häufiger vor Ort waren und andere, die nur 25 oder 35 Prozent arbeiteten. Nebenher, diese zehn Prozent Unterschied waren wichtig, denn sie bedeuteten für denjenigen, der von 25% auf 35 % wechselte, die Möglichkeit, den Status der Festanstellung zu erhalten, was neben anderen Vorteilen auch den hatte, in die Pensionskasse aufgenommen zu werden. Maren meinte dazu abfällig, dass die BZM als Arbeitgeber natürlich kein Interesse daran habe, denn sie müsse dann auch den Arbeitgeber Anteil in die Pensionskasse einzahlen.
Innerlich war das Team also unterschieden in solche, für die die Bezahlung der Arbeitspausen kaum ins Gewicht fiel und in solche, für die sie eine ganze Nacht an Mehrarbeit bedeuten würde. „In genau dem Verhältnis steht auch die Motivation und der Druck sich gegen solche Veränderungen der Arbeitsbedingungen zu wehren“, stellte Jens mit leicht sarkastischen Tonfall fest. Er gehörte zu den Hundertprozentigen und ihm gefiel die Aussicht, noch länger arbeiten zu müssen oder aber weniger Kohle aufs Konto zu bekommen, gar nicht. „Aber“, sagte er, „glaub ja nicht, dass ich hier den Rädelsführer mime. Die haben mich eh schon auf dem Kicker, wegen unserer Aktionen im Frühjahr und ich kann mir echt keine Kündigung leisten. Erschwerend kommt in meinem Fall hinzu: Ich bin kein Schweizer. Ich habe nur eine B-Bewilligung. Die schmeißen mich dann raus aus dem Land.“ – „ Das ist doch Blödsinn“, hielt ihm die ansonsten kleinlaute Naomi entgegen. „ Es gibt doch die Bilateralen und außerdem, du würdest immer eine Arbeit irgendwo anders finden. Solche Fachkräfte mit so viel Erfahrung wie du, die gibt es doch sonst kaum. Nee, nee, du hast von uns wohl die besten Karten.“
Sie saßen noch zu zweit im Pausenraum, denn es gab immer irgend welche Zwischenfälle, die verhinderten, dass sie pünktlich um halb ein Uhr zusammen in die Pause kommen konnten. Es war Maren, die als dritte herein kam und sofort zum bollernden Wasserkocher ging, um sich einen Tee zu machen. „Oh, ich sag euch“, meinte sie, „kam ich doch auf die Wohngruppe 3 und was höre ich da aus Dorothees Zimmer? Ich wollte es ja echt nicht glauben: War doch der Urs zu ihr ins Zimmer gegangen und lag in ihrem Bett. Wisst ihr, was ich gemacht habe? Ich bin auf Zehnspitzen zurück geschlichen. Sollen sie doch. Ich will es ihnen nicht verbieten.“ – „Echt? Der Urs war bei ihr? Ich dachte, sie wäre mit dem Lathan zusammen?“, fragte Jens. „Ist sie ja auch“, grinste Maren, „verstehst du? Auch! Gleichzeitig, mal den und mal den. Keine Ahnung, ob sie es nicht so genau nimmt oder nehmen kann.“ Naomi: „Ich habe in der Kardex gelesen, dass es ein Gespräch der Eltern und der Wohnheimleitung gegeben hatte. Endlich wollte die BZM mal die Frage der Verhütung bei Doro angehen. Es ist ja so ein katholisches Haus, da werden solche Fragen nicht behandelt. Und? Wisst ihr, was dabei herauskam? Der Vater will nicht, dass seine Tochter verhütet. Stellt euch das vor. Das heißt Klartext, er lässt zu, dass Doro ein Kind bekommen kann und wer soll dann auf dieses wahrscheinlich auch behinderte Kind acht geben und es groß ziehen?“ – „Na wer wohl? Wenn nicht der Papa, dann wohl wir.“ – Jens: „Ja, das ist echt eine Zwickmühle. Wir sind so aufgeklärt, dass wir meinen, auch Behinderte sollten die Freuden des Sex erleben dürfen, aber wenn das dann konkret abgeht, ist es echt verflixt. Hast du es denn schon aufgeschrieben? Am besten ist, du schreibst, du hättest Urs nur aus Doros Zimmer kommen sehen, dann bist du aus dem Schneider. Nachher musst du noch die Unterhaltszahlungen leisten.“ – Maren: „Stimmt, am besten, ich schreibe es so.“
Die Tür ging auf und Ann kam rein. Mit glänzenden Augen rief sie flüsternd, denn die Bewohner der angrenzenden Wohngruppen sollten nicht gestört werden: „Wir haben ihn. Wir haben ihn! Er ist geliefert.“ Maren hatte in der vorhergehenden Nacht Dienst mit Sandy, Barbara und Sigrid gehabt und dabei waren sie im Spinnetz des Labyrinths von Knossos, in den QM Doks fündig geworden. „Leute, es verhält sich so“, meinte sie genüsslich als sie sich aufs Sofa schwang. „Wir haben einen Arbeitsvertrag und zu dem Arbeitsvertrag gehören die allgemeinen Arbeitsbedingungen der BZM. Meine mir mit dem Arbeitsvertrag ausgehändigten Arbeitsbedingungen datieren vom letzten Jahr. Darin steht, dass die Pausen bezahlt werden und zwar ganz allgemein in der ganzen BZM. Wenn sie das bei uns zu ändern anfangen wollen, dann werden sie das nach und nach auch bei den anderen Mitarbeitern im Tagesdienst tun wollen. OK, das wäre dann die Frage, ob die im Tagesdienst sich das bieten lassen. Das ist aber noch nicht alles. Sandy hat sich die Stempelkarten und Zeitausweise der Tagesdienstler angeguckt. Tatsächlich wird dem Frühdienst und dem Spätdienst, die 8 Stunden da sind, keine halbe Stunde Pause abgezogen. Sie wird bezahlt. Der Clou ist nun, dass bei dem langen Mitteldienst von 8 bis 19 Uhr nur 10 Stunden aufgeschrieben werden und separat eine Stunde Pause abgezogen wird. Laut Schweizerischem Arbeitsgesetz, Artikel §15, muss bei über 9 Stunden eine Stunde Pause gegeben werden und nun wird diese nicht bezahlt. Laut Arbeitsbedingungen ist das nicht zulässig und darum hatte der Bayer Schiss. Die wissen ganz genau, wenn nur einer auf die Idee kommt die Bezahlung dieser Pause zu fordern, dann kann die ganze Belegschaft nachziehen. Das geht in die Hundert Tausende, denn so was verjährt doch nicht.“ – Jens, Naomi und Maren waren die Münder herunter gefallen. „Woau! Ihr seid super!“ grinste Jens. „Und was machen wir jetzt?“, fragte Naomi. „Wie wollen wir vorgehen? Ich meine, wenn das raus kommt, dann ist der Bayer doch geliefert. Der hat doch schon im Frühjahr die Personalplanung mit uns vergeigt. Und nun auch noch das. Also, ich möchte nicht daran Schuld sein, dass der seinen Job verliert, schließlich hat er Frau und Kinder.“ – „Ach, darum geht es doch gar nicht. Außerdem, wir müssen ja auch immer Angst haben, wenn wir den Mund aufmachen, dass wir fliegen, dass sie uns raus kicken. Sollen die doch auch mal merken, wie das ist?“, legte Ann los. „Nee, ich bin auch mehr mit Naomis Ansicht, das man Gnade vor Recht ergehen lassen sollte. Und wer sagt eigentlich, dass der Bayer uns wirklich ans Leder wollte und uns nicht vielmehr einen Wink mit dem Zaunpfahl geben wollte, dass wir uns mal um diese Pausengelder kümmern?“ – „Was heißt uns?“, fragte Jens nach. „Es ist Sache der Tagesdienste sich um die Bezahlung ihrer Pausenzeit zu kümmern. Ich verstehe auch nicht, dass da niemand von denen nachhakt. Vielleicht ist das einfach nur ein Druckfehler in den Arbeitsbedingungen.“ – „Nee, doch“; widersprach Maren, „ sie zahlen doch dem Früh- und Spätdienst die halbe Stunde Pause. Sie zahlen aber nicht, wenn du, weil du so lange arbeitest im Mitteldienst – weißt du wie hart das ist? Der ganze Tag ist futsch und du selber auch – wenn du da die ganze Stunde Pause hast.“ – „Mensch nee, das kann doch nicht sein, das ist ja für die BZM eine Katastrophe. Was da an Nachforderungen zusammen kommt“, sagte Naomi erschrocken. „Wir wissen noch immer nicht, was wir machen. Also, ich habe überlegt“, warf Ann ein, „es gibt neben der VPOD Einzelgewerkschaft ja auch noch den schweizerischen Gewerkschaftsbund auf kantonaler Ebene. Die beraten auch und sie sind mehr politisch orientiert als rechtlich. Ich kann mir vorstellen, der Kurt Meier dort, der ist bei den Grünen sogar Nationalrat, weiß mehr, was wir tun und wie wir vorgehen können.“ – Ah, sie an. Du machst für die Grünen Polit Werbung. Ich würde lieber beim VPOD bleiben, der ist mehr SP orientiert. Aber meinetwegen.“ – „Also dann, ich frage an.“ Ihre Pause war um und jeder trollte sich in sein Wohnheim.
Fortsetzung: Der Wochend Schnack und die Zeitzulage