Das Abschiedsgeschenk

Ein Zimmer, Holzboden, Dielen im warmen Farbton des Holzes, das Zimmer ist leer, durchs Fenster fällt das Licht der Abenddämmerung. Marius schaut sich um und entdeckt weiter nichts im Zimmer. Offensichtlich ist Uli, sein Bekannter, der für einige Monate in seiner kleinen Dreizimmer Wohnung mit ihm lebte, wie besprochen ausgezogen, während er an diesem Tag seinen Göttibuben André besuchen fuhr. Wieder allein in der Wohnung, was eigentlich nicht viel in seiner Lebensalltäglichkeit veränderte, denn mit Uli kam er nicht großartig ins Gespräch, gab sich Marius einigen abschließenden Gedanken zu seinem Gast hin. Ein Typ war das, dachte er, der wie ein Bursche auf der Alphütte, nicht viele Worte machte, zum einen, weil er diese nicht in der eloquenten Weise der Städter, sprudelnd wie einen frischen Quellbach, vorzubringen wusste, sondern vielmehr mit den Worten sogleich handfeste Dinge verband, so dass sich gewöhnlich, schneller als man dachte, Konsequenzen daraus ergaben, die vor allem, was er vom Vater gelernt zu haben schien, in mühsamer Arbeit bestanden, weshalb es meistens angeraten schien, diese nicht unnötig en masse von sich zu geben. Zum andern galt es Uli, so kam es Marius vor, dass er das Gespräch mit ihm zu meiden suchte, weil er fürchtete, von ihm über den Tisch gezogen, belehrt, für dumm gehalten und, insbesondere, was unter Männern immer von Bedeutung ist, unterjocht zu werden, also sich unterlegen und schwächer als der andere zu fühlen. Das konnte Uli offensichtlich gar nicht leiden, weshalb er ihm gegenüber eher als ein wortkarger, ungeselliger Mensch auftrat. Wenn dieser das Zimmer nun also verlassen hatte, dann änderte sich eigentlich nichts weiter in seinen Wohnverhältnissen, außer dass weniger Geld auf sein Konto einging, was aber nicht weiter ins Gewicht fiel und zu verkraften war, dachte Marius, während sein Blick durchs Fenster in den Garten mit der Winter grünen Wiese zurück ins Zimmer wanderte.
Gedanken verloren schaute er über die Holzdielen. Erst undeutlich, dann zunehmend klarer, sah er, dass sich der Farbton des Bodens verändert hatte. Ein grünlicher Schimmer lag darüber, durchsetzt von dunkleren Schlieren, die ihn an das Eingießen eines Duftschaumbades in die halb gefüllte Badewanne erinnerten und zwar in dem Moment, bevor das Aufschäumen die Sicht auf das Wasser in der Wanne nahm. Der grünliche Schimmer stieg immer höher, ungefähr Fußknöchel hoch, blieb durchsichtig und – und das erstaunte ihn – es fühlte sich angenehm warm an, fast flauschig wie ein Teppich. Einerseits schrillten in ihm die Alarmglocken: Was war das? Das konnte doch nicht sein, dass sich auf den Holzdielen so etwas bildete wie ein Gas oder war es fluoreszierendes Licht? Andererseits, es war angenehm, es fühlte sich gut an. Im Grunde war es wie ein Teppich. Hm, dachte Marius, ich weiß zwar nicht, was es ist, aber irgendwie … nett. Vielleicht war es das Gastgeschenk, das ihm der Alpbursche dagelassen hatte, eine neuartige, noch völlig unbekannte Teppich Kreation aus den Werkstätten der Zwerge, die in den hohen Bergen der Schweiz in der Tiefe ihrer Höhlen an der Zukunft bastelten. OK, warum nicht? Warum sollte es so etwas, was es noch nicht gab, überhaupt nicht geben? Vielleicht gab es später einmal Teppiche, die aus einer heute unbekannten … etwas sträubte sich … er wollte Substanz sagen … was war aber, wenn es sich um eine Art Licht handelte, das neben der Eigenschaft der angenehmen Wärme auch die der fließenden Fühlbarkeit aufwies? Dann war es keine Substanz, sondern ein Licht Fluidum. Das Telefon klingelte. Er war gespannt, ob dieses Lichtb Fluidum nach dem Gespräch noch da sein würde oder ob es sich wieder anschalten ließ oder einfach nur seiner Einbildung entsprungen war.

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