Das Teamessen zur Weihnacht

Fortsetzung von : Der Wochenend Schnack und die Zeitzulage

Doch, Uli beunruhigte dieses mitleidige Lächeln, dass er von Bayer rüber wachsen fühlte. Wieso? Weshalb? Woher nahm Bayer dieses bemitleidende Lächeln? Aus den Augenwinkeln hatte es Uli gesehen, dem Schatten einer Wolke gleich, die der Seewind übers Land treibt, noch ehe es aus Bayers Gesichtszügen verschwunden war. Wusste er alles? Hatte dem Bayer jemand gesteckt, was wirklich ablief? Da saßen sie alle putzmunter und fröhlich zusammen im Seerestaurant – die BZM ließ etwas springen für die Belegschaft zur Weihnacht, das summierte sich – und das ganze Team tat so, als wäre nichts, als wäre alles in bester Ordnung und die Sache mit den Arbeitspausen schon vergessen und vorbei. Anscheinend trug nur er sich mit der Schmach, mit der Demütigung, mit seinem verletzten Stolz, klein beigeben zu müssen gegenüber Bayer und der BZM. Es wurde einfach nicht darüber geredet, selbst in der Nacht, in den Pausen, wurde nicht darüber geredet. Das Thema wurde einfach totgeschwiegen. Uli kam das bekannt vor. Das war das typische Vergessen Wollen, das war das Weg Gucken Wollen, das war das Verleugnen und das war schon immer so, wenn die Ohnmacht der Mutlosen vor der Gewalt, vor der Furcht vor Konsequenzen sprachlos machte. Die Wahrheit war, Uli schämte sich seiner selbst. Er suchte nach Gründen, dass doch alles gut sei, dass es eine gute Arbeit sei und dass die BZM mit dem Weihnachtsessen wieder einmal zeigte, dass sie es mit ihren Mitarbeitern gut meinte. Er schaute rüber zu Ann, Barbara, Maren und Karin, sie waren die Gewerkschafterinnen, sie waren mit ihm die Drähtezieherinnen des heimlichen Aufstands. Im Grunde arbeiteten sie jetzt im Untergrund. Es war doch klar, dass, wenn Scheibler den Brief an die Geschäftsleitung abschickte, die Bombe hoch ging. Unklar war allerdings, was dann abging. Bayer saß ihm schräg gegenüber, eigentlich ein lieber Mann, dachte Uli: Freundlich, ja, sogar der gewisse Charme eines noch immer irgendwie jugendlich wirkenden Mannes, der auf Frauen einen attraktiven Eindruck machen konnte, weil er auch seine weichen, zarten Seiten zuließ. Ja, Bayer verstand es, mit seiner sympathischen Ader dafür zu werben, dass jetzt alles so wie besprochen weiter ginge. Die letzten Nächte kam frisch heraus, dass in dem wieder einmal viel zu spät vorgelegten Januar Dienstplan die neue Pausenregelung schon umgesetzt war. Und keiner sagte etwas. Schließlich saßen sie zum Weihnachtsessen zusammen. Es wäre ein Fauxpas sondergleichen, würde jemand dieses Thema während des Weihnachtsessens ansprechen. Genau deshalb war es eine solch doppelbödige Situation, einem Maskenball vergleichbar. Deshalb bildete er sich Bayers mitleidiges Lächeln nur ein, schloss Uli. Dieses zwiespältige Geschehen provozierte förmlich seinen paranoiden Verfolgungswahn, weil: für ihn lauerte hinter jeder Ecke die Gefahr und der Feind, da er unerkannt im Dunklen an der Bombe mitbastelte, die Bayer hochgehen lassen sollte. Zum Beispiel, als er sich mit seiner Tischnachbarin Laura, einer 25 prozentigen und Neuseeländerin, unterhielt. Eigentlich mache sie glatte vierzig Prozent, aber Bayer gab ihr keinen Vertrag mit 30 Prozent, der ihr erlaubt hätte, in die Festanstellung zu wechseln. Vertraulich erklärte Uli Laura, sie solle sich das mal aufschreiben, wie viele Prozent sie Monat für Monat tatsächlich arbeitete, wie sehr sie also gebraucht wurde, so dass sie belegen könne, dass sie effektiv mehr als 30 Prozent gebraucht würde. Laura schwieg. Ihr war anzusehen, dass ihr die Vorstellung weiche Knie bereitete. Die Vorstellung, sie solle mit einer Forderung an Bayer herantreten und nicht mit einer Bitte, die gnädigst gewährt würde, irgendwann, vielleicht einmal, schien ihr mehr als abwegig. Ausländerin, die sie war, durfte sie froh sein, überhaupt einen Job in der Schweiz gefunden zu haben. Während Uli auf sie einredete und sah, was er da anrichtete, spürte er, dass Bayer wie von einem Magneten angezogen zu ihnen herüber schaute, was die beiden da so eindringlich miteinander zu reden hätten. Vielleicht waren ihm ein paar Worte und Satzfetzen zwischen anderen zugeflogen, vielleicht setzte er sich deshalb bald zu ihnen an den Tisch, vielleicht lächelte er wegen Laura und seinen Bemühungen so mitleidig, denn Bayer hatte Laura fest im Griff. Er war sich sicher: Die? Nimmernie. Später erwähnte Laura, Bayer wäre zur Taufe ihres Kindes gekommen. Für Uli lief ein Film ab: Der gute Chef, der sich um seine arme Mitarbeiterin kümmerte, der sogar zur Taufe des Kindes kam, ganz Patron, ganz familiale Verhältnisse im Betrieb. Wie sollte Laura da auch nur wagen eine Forderung zu stellen? Unmöglich. Es waren genau die Strukturen mittels derer eiserne Ketten der Abhängigkeit geschmiedet wurden, aus denen sich zu befreien bedeutete, ganz persönlich untreu und falsch zu sein. Bayer baute sich ein soziales Netz solcher Abhängigkeitsverhältnisse in deren Mitte er als Spinne hockend darauf vertrauen konnte, dass ihm alles zuarbeitete. Während solcher Gedanken prostete er Bayer zu, scherzte und lachte mit ihm und wunderte sich, dass er zu solch Falschheiten in der Lage war.

Fortsetzung und Abschluss: Der Gewerkschaftssekretär und die Teamsitzung

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