Fortsetzung von : Das Teamessen zur Weihnacht
Das abschließende Gespräch mit dem Gewerkschaftssekretär war mehr als ernüchternd. Die schweizerischen Arbeitsverhältnisse zeigten sich aus Marens deutscher Perspektive als eine Katastrophe. Wenn das deutsche Arbeitsrecht, das neben Kündigungsschutzrechten vor allem die Stellung der Betriebsräte im Unternehmen garantierte, im europäischen, im transatlantischen und im globalen Zusammenhang gesehen wurde, dann erwies es sich schnell als eine Ausnahme. Momentan ließ sich aufgrund der guten Wirtschaftslage in Deutschland zwar mal wieder behaupten, aufgrund eben genau dieser Arbeitnehmer- und Gewerkschaftsrechte sei die deutsche Wirtschaft so leistungsfähig, doch ein solches Argument hatte sich sofort den Vorwurf des Funktionalismus vorwerfen zu lassen, denn es sollte der allgemeinen Tendenz in der EU entgegenwirken, eben diese Arbeitnehmer- und Gewerkschaftsrechte dem allgemeinen Standard in der EU anzupassen.
Übertrug sie anhand ihrer Erfahrungen im schweizerischen Behinderten Zentrum Mittelland, was insgeheim in den Brüsseler EU Kommissionen für Justiz, Industrie und Osterweiterung Hin- und hergeschoben wurde, dann würden in Deutschland als bald die Betriebsräte abgeschafft und durch sogenannte Personalkommissionnen ersetzt werden. Ebenso stand an, die Kündigungsschutzrechte zu reduzieren, insbesondere also Kündigungen ohne Angabe von Gründen möglichst kurzfristig aussprechen zu können. De facto bedeutete dies, dass die Geschäftsleitung, in persona des Heimleiters Bayer, die Frauen im BZM, sollten sie weiter Widerstand gegen die Streichung ihrer bezahlten Pause leisten, kurzer Hand entlassen würde. Das war eine Rechtslage, die in etwa syrischen Verhältnissen unter Diktator Assad entsprach: Wer sich auflehnt, der darf erschossen werden. Die Frage war nun, wie ließ sich unter solchen Bedingungen trotz dessen etwas für die Nachtwachen erreichen? Hilfreich wäre sicherlich ein Roman aus der Zeit des ausgehenden Kaiserreichs, in dem die Tricks, Intrigen, die geheimen Machenschaften und schließlich die Gerichtsprozesse und offenen Arbeitskämpfe beschrieben wurden. Von den Alten konnte sicherlich einiges gelernt werden, hatten sich die Verhältnisse doch wieder den vorherigen Zuständen angeglichen.
Maren war wie viele deutsche Gastarbeiter in der Schweiz in ihrem Nachtwachenfrei zu ihrem Freund Malte nach Dresden gefahren. Sie hatte die so bedeutsame Teamsitzung, in der Bayer runter gemacht werden sollte und vor allem in der erreicht werden sollte, dass die neue Pausenreglung zurück genommen würde, nicht mitgemacht. Sie hörte lediglich in einzelnen Erzählungen von dem Ablauf. Es waren karge Erzählungen, ernüchtert, resigniert und ohne jeden weiteren Elan etwas zu zu unternehmen. Bayer war erst gar nicht in Vorahnung, was ihm blühte, zur Sitzung erschienen. Einzig die Gruppenleiterin Ursel konnte als Ansprechparter für die Unterehmensleitung herhalten, doch die hatte sich in Weiser Voraussicht geschickt aus dem ganzen Vorgang heraus gehalten. Ohne direkten Ansprechpartner konnte die Veranstaltung also nur eine Frust produzieren und der entlud sich bei Ann, Barbara und Hans in schrillen, boshaften Tönen, dabei über die Stränge schlagend mit Vorwürfen und Eröffnung von Nebenschauplätzen wie dem, dass sie weder Arbeitskittel gestellt bekämen noch eine Waschzulage für ihre Arbeitskleidung erhielten. An erschien nach der Teamsitzung wegen Krankheit nicht zum Dienst, was einen herben Schlag in die Weihnachtsdienstplanung bedeutete und Hans hatte die Sitzung gar vorzeitig unter Protest und Ausrufen, das sei ja alles eine Farce wütend verlassen. Der Rest schwieg und ergab sich in sein Schicksal. Von Barbara war dann später zu hören, sie würde im Frühjahr für drei Monate auf eine Burn Out Kur in die psycho-somatische Kurklinik Freudenthal gehen. Maren selber, aber das war vorher schon klar gewesen, verabschiedete sich auf sechs Monate Weltreise mit ihrem Malte, wobei sie sich offen halten wollte, in das BZM zurück zu kommen, insgeheim aber hoffte, dass Malte sich in Züri eine Stelle finden würde, so dass er von Dresden nach Züri umzog und sie beide dort eine Wohnung nähmen.
Ihr Besuch beim Gewerkschaftssekretär Scheibler war eigentlich nur dem Austritt wegen ihrer Reise geschuldet. Ein Umstand, der ihm offensichtlich gegen den Strich ging, denn er bestand auf seiner Dreimonats Kündigungsfrist mit dem Hinweis darauf, die Gewerkschaften seien für die meisten eh nur eine Arbeitsrechtsschutzversicherung. Außerdem, so führte er aus, seien ihre Überlegungen im Nachtwachenteam Blödsinn gewesen. Zum einen bekämen sie doch 4 Minuten pro Stunde Zeitzulage mehr als gesetzlich vorgeschrieben, zum anderen verhielte es sich gesetzlich so, dass zwar Pausen gewährt werden müßten, doch nicht, dass diese entlohnt würden. Darüber hinaus seien in ihren Arbeitsbedingungen nur Kaffeepausen gemeint, denn ansonsten hätte schon längst jemand entsprechende Forderungen aufgestellt. Eine gerichtliche Auseinandersetzung auf der Grundlage der Arbeitsbedingungen würde er deshalb auf keinen Fall führen, das sei sinnlos. Vielmehr sollten sie zusehen, dass sie sich mit den Leuten vom Kantonsspital zusammen täten, um so gemeinsam Druck auf die übergeordnete Gesundheitsbehörde des Kantons zu machen. Das sei im übrigen auch die politische Direktive, die er ihnen aus dem Schweizerischen Gewerkschaftsbund mitgeben könne. Scheibler hatte also davon gehört, dass sie sich an den SGB gewandt hatten, was er ihnen offensichtlich übel nahm.
Scheibler hielt also voll dagegen, machte mutlos und drang auf Arbeitskampf, wobei er sehr wohl wußte, dass die Mehrzahl der Nachtwachen solche Auseinandersetzungen scheuten. Das Resultat bestand für ihn dementsprechend in weniger Arbeit. OK, sagte sich Maren, und auch ich mache mich von diesem Acker, diesem weiten Feld, dass so fruchtbar scheint und doch so schwierig zu bestellen ist.
Personen: Nachtwachen jeweils in vierer Pausengruppen:
Ann G100%, Sigrid, Karin G100%, Hans – Uli G80%, Sandy, Barbara G80%, Michelle – Maren G80, Jens, Naomi, Ann – Laura 25%, Uli G80%, Karin G100%,
Ursel, Gruppenleiterin
Hermann Bayer, Wohnheimleiter
Bewohner: Franz, Dorothee, Urs, Lathan
Ludwig Scheibler, Gewerkschafter, Caroline vom Tagesdienst, Freunde: Malte und Marco